|
Ein bisschen Gänsehaut, ein kleines Kribbeln in der Magengegend und das Gefühl beobachtet zu werden, das bekommt man, wenn man sich in Ostengland aufs Fahrrad schwingt. Denn bei den drei vorgestellten Radtouren geht es durch das geheimnisvolle East Anglia. Hier wimmelt es nur so von Gespenstern, kopflosen Reitern, Hexen und schwarzen Hunden mit feuerroten Augen. Hier wandeln Mönche auf Balustraden, Fernseher und Wasserkocher funktionieren ohne Strom – sagt man! Begeben Sie sich mit aktiv Radfahren-Autorin Christine Blödtner-Piske auf eine gespenstische Radreise.
Ostengland hat einfach alles – herrliche Küstenstriche, naturbelassene Landschaften, historische Städte, sagenumwobene Schlösser, faszinierende Kathedralen und seinen ureigenen schrulligen Charakter. Wieso schrullig? Nun, hier sind Englands Geister Zuhause. Überall in dieser Gegend wimmelt es nur so von Gespenstern und es gibt genug kopflose Reiter, um ein ganzes Kavallerieregiment auszustatten. Hexen werden gesehen, schwarze Hunde mit feuerroten Augen verbreiten Angst und Schrecken, Mönche wandeln auf Balustraden und Fernseher oder Wasserkocher funktionieren ohne Strom. Warum? East Anglia ist tief verwurzelt mit der angelsächsischen und heidnischen Vergangenheit. Hier an der Küste von Norfolk und Suffolk landeten die Wikinger und eroberten das Land, von hier nimmt die Geschichte Englands ihren Lauf.
hier rauben einem nicht die Steigungen, sondern die herrlichen Landschaften, den Atem – wenn es nicht die spukenden Kreaturen längst getan haben. Und da Ostengland sowohl für Familien, blutige Bike-Anfänger und gestandene Radler optimal ist, starten wir unsere drei einzelnen Radtouren, in dieser östlichen Region Englands. Aber Achtung: Man sollte auf jeden Fall nicht neben jeder Straße einen Radweg erwarten. Eher schlängeln sich die Straßen eng vorbei an blühenden Fuchsienhecken, und an mit leuchtendem Mohn gesäumten Kornfeldern. Und Linksfahren ist Pflicht.
Auf den Spuren von Katharina
Unsere erste Tour beginnt allerdings am drittgrößten Wasserreservoir Englands in Grafham Water. Wir werden schon bei der Fahrradvermietung „Grafham Water Cycling Centre“ erwartet. 150 Fahrräder stehen hier zur Auswahl. John, ein junger Bursche, wählt die Räder aus. „Sie nehmen am besten dieses hier“, sagt er und schaut auf meine Beine. „Das müsste von der Größe passen.“ Ich nehme das Rad und setze mich – passt. Allerdings lasse ich mir noch kurz den Lenker ein bisschen verstellen. Als alle anderen versorgt sind, geht es mit einer Tour-Karte bewaffnet los – immer am Wasser lang.
Es ist ein warmer Juni-Tag und die Sonne scheint milchig vom Himmel. Genau richtig, um sich auf die Spuren von Katharina von Aragon zu machen. Denn die heutige Tour heißt „Katherine’s Wheels“. Diese adelige Dame war die erste Frau von Henry VIII., dem König, der durch seine sechs Frauen berühmt wurde, und der mit der katholischen Kirche sowie dem Papst brach, seine eigene anglikanische Kirche gründete und die Scheidung in England einführte.
Vom blau schimmernden Wasser biegen wir ab und wenden uns den gelben Kornfeldern zu. Durch die „Countryside“ radeln wir, kommen vorbei an kleinen Dörfern, in denen man die typischen englischen Häuschen mit bunt blühenden Bauerngärten vor der Tür sieht. Unser Ziel auf der 24 Kilometer langen Tour sind die zwei letzten Residenzen, in denen die Königin gelebt hatte. Denn aus politischen Gründen konnte Henry VIII. diese Dame nicht köpfen lassen, da sie Spanierin war und er somit einen Krieg heraufbeschworen hätte. Also, brachte er sie als Gefangene ins Exil nach Ostengland. Bis die Scheidung durch war, blieb sie in Buckden Towers, einem Bischofs-Palast. Das war von 1533 bis 1534. Doch der König hatte Angst vor einer Revolte. Denn Katharina von Aragon war im Volk sehr beliebt. So wurde sie heimlich nach Kimbolton Castle gebracht, wo sie mit einer Bediensten ihr Leben fristete. Sie starb 1536 nach einer schweren Krankheit. Und seit dem soll man sie auf den Fluren des Schlosses sehen können.
Das Schloss ist imposant mit hellen Steinen im typischen Tudor-Stil gebaut, wobei es im 18. Jahrhundert modernisiert wurde. Doch die Flure, die unterschiedlich hoch sind, stammen noch aus dem 12. Jahrhundert. Und wenn Katharina von Aragon, die in der Kathedrale von Peterborough begraben liegt, ihre Geister-Wege schwebt, dann kann man nur die Hälfte ihres Körpers sehen.
Doch noch ein weiterer Spuk ist hier Zuhause. Jahre nachdem Katharina von Aragon hier starb, hat ein George Pocham im Kimbolton Castle, was heute eine Schule ist, gewohnt. Er war ein bekannter und böser Richter. Eines Abends kam er betrunken nach Hause und weil seine Frau in dieser Nacht ein Mädchen zur Welt gebracht hatte, warf er es kurzerhand aus dem Fenster. Dort, wo das Baby den Boden berührte, soll noch heute an ihrem vermeintlichen Geburtstag der Pflasterstein rot glühen. Wir haben es jedenfalls nicht gesehen, als wir das Schloss besichtigten.
Da diese spannende Tour, die auch noch an einen historischen Flugplatz aus dem Zweiten Weltkrieg vorbei führt, nicht unbedingt den ganzen Tag füllt, lohnt sich ein Abstecher nach Peterborough. Es ist eine attraktive Stadt, die Modernes mit der Historie miteinander verknüpft. Die Kathedrale aus dem Jahre 1238 ist sehr imposant und beherbergt nicht nur das Grab von Katharina von Aragon, sondern auch von der berühmten Schotten-Königin Maria Stuart, wobei diese 1612 dann nach Westminster Abby verlegt wurde. Die nächste Besonderheit ist die mittelalterliche Decke – es ist die einzige dieser Art in Großbritannien.
„Es sind keine bösen Geister“
Wir fahren weiter nach Ely, um im Lamb Hotel, einer alten Postkutschenstation, wo es natürlich auch spukt, einzuchecken. Auch hier steht eine imposante Kathedrale. Einst war diese Stadt eine Insel im Marschland, die oft im dicken grauen Nebel lag. Kein Wunder, dass in Ely die Leute heute noch an Geister glauben – selbst unsere Stadtführerin Nora Gardener kann sich davon nicht freisprechen. Sie erzählt: „Im 18. Jahrhundert gab es hier einen Totengräber, der die Toten nach London verkaufte. Und noch heute sieht man ihn auf dem Friedhof mit seinem viktorianischen Mantel den Spaten schwingen.“ Selbst Geistliche, die in unserem Jahrhundert in der Ely Kathedrale ihre Dienste verrichten, erleben immer wieder, wie die Seelen der Vergangenheit auftauchen. „Es sind keine bösen Geister...
|